Krankschreibungen wegen psychischer Erkrankungen liegen 52 % über dem Niveau von vor zehn Jahren (DAK-Psychreport 2024). 61 % der Arbeitnehmer fürchten, irgendwann an Überlastung zu erkranken – 2018 waren es noch rund 50 % (Pronova BKK, Studie „Arbeiten 2023").
„Stress im Job hat ganz unterschiedliche Gründe ", sagt Frau Markwirth, Leiterin von EMMA Jobs München. „Er ist messbar, er wächst, und er macht auf Dauer krank." Seit 12 Jahren berät sie Menschen, die beruflich feststecken, sich verändern wollen oder längst spüren, dass etwas nicht mehr stimmt. Wir sprechen mit ihr darüber, warum Stress im Job heute anders aussieht als noch vor zwanzig Jahren, welche Warnsignale man ernst nehmen sollte und was sich ganz konkret tun lässt, bevor die Belastung überhandnimmt.
- Frau Markwirth, ist Stress im Job wirklich mehr geworden – oder reden wir heute einfach offener darüber?
- Woran merke ich, dass der Stress im Job zu viel wird?
- Sie sagen „kleine Schritte". Wie kann ich ganz konkret anfangen, Stress im Job zu reduzieren?
- Das mit dem Diensthandy klingt einfach. Aber für viele ist die ständige Erreichbarkeit unausgesprochene Pflicht.
- Was, wenn der Druck aber gar nicht von mir kommt? Wenn es schlicht zu viele Aufgaben bei zu wenig Zeit sind?
- Und wenn ich das Gespräch gesucht habe, aber sich trotzdem nichts ändert?
- Wann wird Stress zum Signal, dass das Unternehmen nicht mehr das richtige ist?
- Wie hilft EMMA Jobs München Menschen, die im Job feststecken?
Frau Markwirth, ist Stress im Job wirklich mehr geworden – oder reden wir heute einfach offener darüber?
Ich würde mal denken: beides. Und das eine schließt das andere ja nicht aus. Dass wir offener über Belastung und Burnout sprechen, ist eine gute Entwicklung. Das Thema ist weniger tabuisiert als noch vor fünfzehn Jahren, und das hilft Menschen, rechtzeitig Hilfe zu suchen. Aber die Zahlen zeigen eben auch, dass die Belastung objektiv gestiegen ist. 58 % nennen Schule, Studium oder Beruf als ihre Hauptstressfaktor in ihrem Alltag. Das ist schon eine ernstzunehmende Größenordnung.
Was sich auf jeden Fall verändert hat, ist die Geschwindigkeit, in der wir inzwischen arbeiten. Die Digitalisierung entlastet in vielen Bereichen und macht und effizienter, doch das, was dadurch an Aufgaben wegfällt, wird durch andere Aufgaben wieder aufgefüllt. Wir sind in der Regel permanent beruflich und privat erreichbar. Wenn jemand vor zwanzig Jahren gesagt hätte, er habe Stress bei der Arbeit, dann hätte er darunter etwas ganz anderes verstanden als wir heute. Heute wechseln wir innerhalb von Minuten zwischen fünf Kommunikationskanälen weltweit. Wir werden ständig unterbrochen, arbeiten an mehreren Dingen gleichzeitig – obwohl unser Gehirn dafür eigentlich nicht gemacht ist.
Und dann ist da noch ein Punkt, den ich persönlich nicht unproblematisch finde: Wir kommunizieren heute vor allem schriftlich. Früher hat man zum Hörer gegriffen oder ist kurz rübergegangen. Heute wird getippt. Das Problem dabei ist: Geschriebenes kommt beim Empfänger oft ganz anders an als gemeint. Da steckt enormes Konfliktpotenzial drin. Und Konflikte wiederum erzeugen wiederum Stress, der sich auf die Zusammenarbeit und das Wohlbefinden der Mitarbeiter auswirkt.
Ich glaube übrigens, dass wir uns gerade in einer Art Übergangsphase befinden. Die Generationen, die jetzt ins Berufsleben kommen, wachsen mit dieser Geschwindigkeit auf. Für sie ist das normal. Aber für die, die ihren Berufsalltag über Jahre anders gelernt haben, bedeutet jede dieser Veränderungen auch Verunsicherung. Und Verunsicherung erzeugt Druck; bis hin zur Angst, den Job zu verlieren, wenn man nicht mithält.
Woran merke ich, dass der Stress im Job zu viel wird?
Auch an Dingen, die man gar nicht unmittelbar mit dem Job in Verbindung bringt. Schlechter Schlaf zum Beispiel. Verspannungen im Nacken, die nicht weggehen. Ein flaues Gefühl am Sonntagabend, wenn man an den Montag denkt. Oder man merkt, dass der Geduldsfaden kürzer wird – auch im Privaten. Die Konzentration lässt nach, selbst kleine Aufgaben fühlen sich auf einmal ganz groß an.
Was ich in meinen Gesprächen häufig höre, ist ein Gefühl einer inneren Unruhe, ein Grundrauschen: Ich hinke hinterher. Ich habe bestimmt etwas vergessen. Manche sichern sich dann doppelt und dreifach ab, kontrollieren E-Mails noch einmal, bevor sie sie abschicken, legen sich To-Do-Listen an. Das kostet dann zusätzlich Energie. Und irgendwann betrifft es das Sozialleben. Man zieht sich zurück, sagt Verabredungen ab, hat abends keine Lust mehr auf Gespräche. Das ist dann ein Warnsignal, das man nicht mehr ignorieren sollte.
Was ich dabei wichtig finde: Wer sich hier wiedererkennt, sollte nicht gleich alles auf einmal umkrempeln wollen. Das überfordert zusätzlich. Es geht erst einmal darum, sich der Sache bewusst zu werden. Hinzuschauen. Und dann in kleinen Schritten etwas zu verändern.
Sie sagen „kleine Schritte". Wie kann ich ganz konkret anfangen, Stress im Job zu reduzieren?
Pausen. Und zwar echte Pausen, nicht das Brötchen am Schreibtisch. Aufstehen, den Arbeitsplatz verlassen und an die frische Luft gehen! Der Ort, an dem Sie acht Stunden arbeiten, ist kein Erholungsort.
Dann: den eigenen Tag so strukturieren, dass er machbar ist. Seine Agenda realistisch anlegen. Multitasking ist ein Mythos, unser Gehirn kann nur eine Sache nach der anderen angehen. Raus aus der Prokrastinations-Spirale, indem man die schwersten Aufgaben gleich morgens angeht, denn aufgeschobene Aufgaben erzeugen permanenten Druck.
Was ich auch immer wieder sage: Erholung gehört in den Kalender. Viele denken, sie erholen sich, wenn alles abgearbeitet ist. Aber dieser Zustand tritt nie ein. Besonders in stressigen Phasen muss Erholung eingeplant werden wie ein Arbeitstermin. Planen Sie jede Woche fest etwas ein, das Ihnen Freude macht.
Und dann gibt es diesen Trugschluss: Man denkt, man braucht erst Energie, um Sport zu machen oder Leute zu treffen. Dabei ist es genau andersherum. Bewegung und soziale Kontakte geben uns Energie. 83 % bauen Stress durch Zeit in der Natur ab, 78 % durch Hobbys. Wer den ganzen Tag Kopfarbeit leistet, braucht körperlichen Ausgleich. Schon 20 Minuten zügiges Spazierengehen am Tag senken den Stresspegel messbar.
Und abends: Diensthandy aus! Feierabend ist Feierabend.
Das mit dem Diensthandy klingt einfach. Aber für viele ist die ständige Erreichbarkeit unausgesprochene Pflicht.
Und das ist ein Teil des Problems. 25 % der Beschäftigten nennen ständige Erreichbarkeit als eigenständigen Stressfaktor (TK/Statista 2021). Das ist jeder Vierte!
Fragen Sie sich selbst: Wann bin ich erreichbar, und wann nicht? Das müssen Sie klar kommunizieren und dann verlässlich dabei bleiben. Grenzen, die man einmal setzt und dann ständig verschiebt, sind keine Grenzen. Ich kann mich natürlich auch bewusst dafür entscheiden, in Ausnahmesituationen erreichbar zu sein. Aber das sollte die absolute Ausnahme sein.
Ich sehe auch, dass viele im Urlaub oder am Wochenende arbeiten, weil sie Angst vor dem E-Mail-Postfach haben, das sich in ihrer Abwesenheit füllt. Statt am Strand auf dem Handy zu daddeln, schaffen Sie klare Vertretungsregeln und briefen Sie Ihre Kollegin oder den Kollegen. Früher haben Vorgesetzte solche Übergaben stärker gesteuert, heute liegt das eher bei Ihnen. Und ganz ehrlich: Die Welt dreht sich weiter, auch wenn Sie zwei Wochen nicht erreichbar sind. Das Unternehmen gibt es danach immer noch.
Natürlich gibt es Positionen, in denen durchgehende Erreichbarkeit zum Job gehört. Ein Notarzt kann nicht das Telefon ausstellen. Aber für die meisten Berufe gilt: Wenn Sie Ihre Grenzen nicht selbst setzen, setzt sie niemand für Sie.
Was, wenn der Druck aber gar nicht von mir kommt? Wenn es schlicht zu viele Aufgaben bei zu wenig Zeit sind?
Dann hilft kein Yoga am Feierabend und auch keine Achtsamkeits-App. Dann ist das Gespräch mit dem Vorgesetzten angesagt.
Ich weiß, dass viele davor zurückschrecken. Aber wenn Sie bei Ihrer eigenen Tagesplanung merken, dass es beim besten Willen nicht aufgeht – dann reden Sie darüber! Gehen Sie auf Ihre Führungskraft zu und sagen Sie „Mein Arbeitstag reicht für das, was auf dem Tisch liegt, nicht aus. Wir müssen gemeinsam schauen, was Priorität hat und was warten kann.“
Dabei hilft es übrigens sehr, sich vorher einen Überblick zu verschaffen. Schreiben Sie sich auf, was tatsächlich alles bei Ihnen liegt. Häufig ist die gefühlte Last größer als die echte, und allein der Überblick schafft schon etwas Luft. Und manchmal zeigt die Liste eben auch schwarz auf weiß: Es ist zu viel! Dann nehmen Sie Ihre Notizen als Grundlage für das Gespräch. Kommen Sie nicht nur mit dem Problem, sondern mit einem Lösungsvorschlag. Was könnte ich konkret anders machen? Was könnte unsere Abteilung verändern, damit die Arbeit besser verteilt ist? Führungskräfte reagieren erfahrungsgemäß ganz anders, wenn jemand mit einer Idee kommt statt nur mit einer Beschwerde.
Und das Wichtigste: „Nein" sagen lernen. Oder zumindest: „Nicht alles gleichzeitig." Sie sind nicht faul oder schwach, wenn Sie Aufgaben ablehnen um andere Aufgaben zu priorisieren, sondern professionell.
Und wenn ich das Gespräch gesucht habe, aber sich trotzdem nichts ändert?
Dann sollten Sie ehrlich mit sich ins Gericht zu gehen: Ist das eine stressige Phase, die absehbar endet? Habe ich eine grundsätzlich fordernde Führungskraft, mit der ich aber einen Umgang finden kann? Oder stresst mich das ganze System, ohne dass eine Besserung in Sicht ist?
Wenn es nicht nur Ihnen so geht, sondern der ganzen Abteilung, dann gehen Sie gemeinsam auf Ihre Führungskraft zu und fordern Sie ein Gespräch ein.
Wann wird Stress zum Signal, dass das Unternehmen nicht mehr das richtige ist?
Wenn die Erholung am Wochenende nicht mehr reicht, um am Montag wieder einigermaßen bei Kräften zu sein. Wenn Sie all das getan haben, worüber wir gerade gesprochen haben – also Gespräche gesucht, konkrete Vorschläge gemacht und selbst Grenzen gesetzt – und Sie sich dennoch immer noch stark gestresst fühlen.
An diesem Punkt sollte man sich eine ehrliche Frage stellen: Wo bin ich in meinem jetzigen Job noch handlungsfähig? Gibt es noch einen Hebel, den ich nicht ausprobiert habe? Wenn die Antwort „nein" lautet, dann haben Sie Ihren Teil getan. Manchmal ist es mit einem Job wie mit einer Beziehung: Man hat sich auseinandergelebt, und kein Gespräch der Welt wird daran etwas ändern.
Dauerstress ist kein Zustand, den man aussitzen sollte. Er geht nicht von allein weg und er macht psychisch und körperlich krank. Der Körper führt Buch und irgendwann präsentiert er die Rechnung. Wer an diesem Punkt steht, dem rate ich nicht zur spontanen Kündigung am Montagmorgen. Aber ich rate dringend dazu, sich aus der Sicherheit der Festanstellung heraus umzuschauen. Zu prüfen, was es noch so gibt. Sich beraten zu lassen.
Wie hilft EMMA Jobs München Menschen, die im Job feststecken?
Wenn Sie Stress im Job haben, haben sie natürlich nach der Arbeit keine Energie mehr, sich durch Stellenportale zu klicken und Anschreiben zu formulieren. Bei EMMA Jobs nehmen wir Ihnen das alles komplett ab und schauen uns für Sie um – ohne dass es Sie einen Cent kostet.
Sie melden sich dazu einmal bei uns und wir sprechen miteinander. Was passt an der jetzigen Stelle nicht? Was ist Ihnen wichtig? Und was wünschen Sie sich für die Zukunft? Wo möchten Sie gerne hin?
Dann suchen wir für Sie. Wir kennen unsere Partnerunternehmen in München und der Region zum Teil seit vielen Jahren persönlich. Wir sprechen regelmäßig mit Personalabteilungen, aber auch mit den Kolleginnen und Kollegen, die später tatsächlich mit unseren Kandidaten zusammenarbeiten. Wir wissen, wie dort geführt wird und wie Teams miteinander umgehen. All das sind Dinge, die Sie aus einer Stellenanzeige nie herauslesen. Und wir sagen Ihnen offen, was Sie erwartet, also Gehalt, Arbeitszeiten und Arbeitskultur.
Sie müssen in der Zwischenzeit nichts tun. Wenn wir eine Stelle finden, die passen könnte, melden wir uns bei Ihnen. Und die Entscheidung liegt dann bei Ihnen – kein Druck und keinerlei Verpflichtung. Die Kosten trägt das suchende Unternehmen.
Und selbst wenn am Ende kein Jobwechsel zustande kommt, haben Sie hoffentlich ein wenig mehr Klarheit gewonnen. Sie wissen dann, was es da draußen gibt, und können mit dieser Information eine fundierte Entscheidung treffen. Manchmal ist schon ein wichtiger Schritt raus aus dem Stress.
Frau Markwirth, vielen Dank für dieses offene Gespräch!
Ich danke Ihnen.
Sie möchten Ihren beruflichen Möglichkeiten in München mal auf den Grund gehen? Frau Markwirth und ihr Team am Stachus in München freuen sich über Ihre Kontaktaufnahme!
Susi Markwirth
Nach ihrer kaufmännischen Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement hat sie schnell erkannt, dass sie im Personalbereich richtig aufgehoben ist. Aus diesem Grund entschied sich Susi für eine Weiterbildung zur Personalfachkauffrau. Die Prüfung hierfür hat Sie im Jahr 2016 erfolgreich abgeschlossen.